Wer wohnt denn da? Quartierbewohner im Gespräch

Unser Quartier beherbergt die unterschiedlichsten Leute. Sie sind entweder schon hier aufgewachsen oder irgendwann zugezogen und können jede Menge Anekdoten aus ihrem Leben erzählen. In einer kleinen Serie sollen hier einige Quartierbewohner zu Wort kommen: Sie reden von sich selbst, von ihrem Zuhause und ihrem Alltag im Quartier. Und sie verraten ihre Lieblingsplätze.
 

11. Oktober 2020

Brit Hartmann: «Es ist schwierig zu sagen, wie stark uns Corona zurückgeworfen hat.»

Du wohnst mit deiner Familie seit acht Jahren in einer ehemaligen Feilenfabrik an der Hegistrasse. Was ist das Besondere an eurem Zuhause? 

Brit Hartmann: Es gibt hier zwei Ateliers und neun Wohnungen, und mir gefällt vor allem das Miteinander, wie wir es hier leben. Das trägt sehr viel zur Lebensqualität bei. Wir sind ja keine Genossenschaft, und doch schaut jeder Mieter ein bisschen nach dem grossen Ganzen. Wir funktionieren wirklich gut miteinander, wir ticken ähnlich und haben ähnliche Vorstellungen vom Miteinander, etwa, wenn es um den Garten und die Gartenarbeit geht. Trotzdem hat im Hof jeder seinen eigenen Bereich. Und je nachdem, wo gerade die Sonne steht, zieht man mit seinem Tisch um. Manchmal setzen sich die Nachbarn auch einfach dazu. 

Vor eurem Einzug hast du mit deiner Familie in Berlin gewohnt. Wie war es für euch, von der Grossstadt nach Winterthur zu ziehen? 

Mein Mann Christian, der in Schaffhausen aufgewachsen ist, bekam einen guten Job in Zürich angeboten, und ich selber hatte ebenfalls Lust auf eine Veränderung. Aber tatsächlich litt ich lange an Heimweh, und auch für die Kinder war der Umzug nicht einfach. Wir hatten das komplett unterschätzt. Mittlerweile hat sich das aber etwas gelegt. 

Vor zwei Jahren hast du bei euch zu Hause ein Kulturlokal ins Leben gerufen: Den Feilenhauer. Wie ist es dazu gekommen? 

Der Raum wurde früher von einer Kunsttherapeutin genutzt. Als wir hörten, dass sie rausgeht, schauten wir ihn uns an und waren ziemlich begeistert. Ein halbes Jahr später, im September 2018, feierten wir dort die Eröffnung.  

Der Feilenhauer bietet sich an für Ausstellungen, Konzerte und Yoga, für Lesungen und Kurse, aber auch für private Feste. Hat sich das Lokal so entwickelt, wie du es dir gewünscht hattest? 

Der Feilenhauer ist meine grosse Leidenschaft, ich bin absolut glücklich, dass wir das gemacht haben. Wir taten sehr viel dafür, dass die Bude läuft, und haben auch gerade im Moment ein besonders dichtes Programm: Fast jedes Wochenende ist hier etwas los. Aber es ist sehr wichtig für uns, jetzt dranzubleiben. Bald fangen wir damit an, das nächste Jahr zu planen. 

Die Coronakrise hat die Kulturschaffenden hart getroffen. Wie hat der Feilenhauer die letzten Monate überstanden? 

Corona traf uns mitten in der zweiten Saison. Wir konnten keine Veranstaltungen durchführen, hatten aber dennoch viel Arbeit: Ich konnte viele liegengebliebene Sachen erledigen. Schön waren die vielen Gespräche mit Leuten, die auf einem Spaziergang am Feilenhauer vorbeikamen und mehr über uns erfahren wollten. Aber es ist ein schwieriger Moment für uns. Weil alles so unsicher ist, müssen wir alle Gagen und Mieten stark verhandeln. Mit der Unterstützung von der Stadt Winterthur können wir bis Ende Jahr die Künstlergagen bezahlen, was uns ein wenig beruhigt. Aber auf das ganze Jahr hinaus gesehen ist der Betrag ein Tropfen auf den heissen Stein.

Wie war es für dich, als Mitte September nach einer langen Pause wieder das erste Konzert über die Bühne ging? 

Es war ein verrückter, ein fulminanter Start für uns. Alles hatte damit begonnen, dass wir im Frühling zwei Flügel als Leihgabe bekommen hatten, und zwar von der Konzertveranstalterin Susanne Hess, die bis 2016 in Zürich die «Konzerte im Lindengarten» veranstaltete. Nachdem ihr Vertrag gekündigt wurde, wusste sie nicht, wohin sie ihre Instrumente bringen sollte, und schlug vor, uns einen Bechstein-Konzertflügel und einen etwas kleineren, historischen Erard-Flügel aus dem Jahr 1857 als Leihgabe zu überlassen. Wir sagten zu, mussten aber den Transport und die Versicherungen organisieren.  

Wozu benötigt ihr diese Flügel jetzt im Feilenhauer? 

Diese beiden Instrumente eröffnen natürlich ganz andere musikalische Möglichkeiten. Wir können so im Feilenhauer sowohl Konzerte im Jazz- als auch im klassischen Bereich anbieten. Und weil wir die Idee hatten, diese Flügel bei uns willkommen zu heissen, stellte Susanne Hess den Kontakt zum deutschen Startenor Julian Prégardien her, der am Anfang seiner Karriere oft im Lindengarten aufgetreten war. Und so eröffneten wir die neue Saison mit Prégardien, der von der Pianistin Els Biesemans begleitet wurde.

Brit Hartmann ist 52 Jahre alt und in Berlin aufgewachsen. Sie wohnt mit ihrem Mann Christian und den Kindern Rosalie und Emil an der Hegistrasse. Hartmann studierte in Berlin Kunstgeschichte und arbeitete lange als freiberufliche Journalistin und Texterin für Agenturen, Verlage, Zeitschriften und das Fernsehen. In Zürich war sie während drei Jahren beim Solinetz tätig, wo sie Migranten und Asylsuchenden ehrenamtlich Deutschunterricht erteilte. Vor zwei Jahren eröffnete sie mit ihrem Mann an der Hegistrasse 33g den Feilenhauer, ein Kulturlokal. 2009 hat sie mit «Kittys Berlin Kochbuch» ihr erstes Buch publiziert, 2010 erschien der Porträtband «Berliner Typen».

 
Ein Startenor im Feilenhauer? 

Wegen Corona war lange gar nicht sicher, ob er nach Winterthur kommen kann oder nicht. Auch, dass das so bekannte Leute waren, bereitete mir Herzklopfen. Aber am Ende klappte alles, es wurde ein toller Abend und ein unglaublich schönes Konzert. Es kamen viele Musikfreaks aus Zürich, das Haus war rappelvoll, und alle fühlten sich wohl, obwohl sie alle mit Maske dasassen. Dass es ihnen bei uns so gut gefiel und dass selbst Prégardien sehr angetan war von unserem Raum, freute mich sehr.

Kann der Feilenhauer von der Ausstrahlung dieses Konzerts auch in Zukunft profitieren? 

Dass so viele Auswärtige zu uns kamen, war eine einmalige Sache. Aber durch dieses Konzert haben uns viele Leute kennengelernt, die vorher nichts vom Feilenhauer wussten. Trotzdem bangen wir jetzt wieder bei jedem Konzert darum, dass genug Leute kommen. Ich rechne für die nächsten Monate mit tiefen Besucherzahlen.

Vor allem wegen Corona? 

Ja. Viele Leute sagen, dass wir ein super Programm haben, kommen aber nicht an die Anlässe. Wir können das wegen Corona natürlich verstehen, schliesslich gehört ein Teil unseres Publikums zur Risikogruppe. Aber langfristig werden wir uns nicht halten können, wenn wir kein Publikum haben. Die Leute haben es in der Hand, mit ihrem Eintrittsgeld ihren lokalen Kulturort zu unterstützen. Vielleicht hat der eine oder andere ja Lust, zu Weihnachten eine Eintrittskarte zu verschenken ... Wichtig bleibt für uns aber auch, dass wir den Feilenhauer querfinanzieren können, indem wir den Raum regelmässig vermieten oder auch Kunst verkaufen über unsere Online-Galerie.  

Kann man sagen, dass die Corona-Pandemie euch zurück an den Anfang geschleudert hat? 

Es ist schwierig zu sagen, wie stark sie uns zurückgeworfen hat. Unter normalen Bedingungen gibt man sich vier, fünf Jahre, um zu sehen, was funktioniert und an welchen Angeboten Interesse besteht. Die Leute sagen, dass wir mit dem Feilenhauer schon sehr weit waren. Obwohl es auch vor Corona Hochs und Tiefs gab, waren wir auf einem guten Weg: Wir hatten immer den Eindruck, dass es sich lohnt, weiterzumachen. Heute werden wir von der Öffentlichkeit besser wahrgenommen als am Anfang. Wir haben eine gute Infrastruktur aufgebaut und viele Leute kennengelernt, sind insgesamt professioneller geworden. Und trotzdem herrscht diesbezüglich wieder eine grössere Ungewissheit.

Wenn du mal nicht an den Feilenhauer denkst und ein paar Schritte weiter in den Ausgang gehst: Wohin zieht es dich? 

Christian und ich gehen oft nach Zürich ins Theater, aber gelegentlich auch ins Stadttheater in Winterthur. Hier mag ich ausserdem das Kino Cameo sehr und die Atmosphäre auf dem Lagerplatz, aber auch das Café La Cyma in der Neustadtgasse, die Villa Sträuli und natürlich die Sammlung Oskar Reinhart am Römerholz, ein absoluter Lieblingsort. Ich liebe es, dort auf der Terrasse im Café zu sitzen. Ausserdem bin ich oft in den Brockenhäusern unterwegs.

Wo bekommt man in Winterthur das beste Essen? 

Die Pizza im Don Camillo ist sehr gut, aber auch das Hermannseck hat seinen Charme.

Wo gefällt es dir im Quartier am besten, wo sollte jeder mal gewesen sein?  

Ich finde den kleinen Platz da hinten sehr gemütlich, wo die Tischtennistische stehen. Da haben wir früher mit den Kindern oft Pingpong gespielt. Auch den Eulachpark finde ich sehr schön, manchmal spaziere ich dort am Abend hin. Er ist städtebaulich sehr gelungen. Da hat man es geschafft, einen urbanen Raum zu schaffen, der von den Leuten gut genutzt wird. Ich schätze auch den Markt in der Halle dort.

Und was fehlt noch im Quartier, was bräuchte es hier unbedingt? 

Ich fand es immer schade, dass wir im Haus die einzigen Leute mit Kindern waren. Auch heute würde ich mir viel mehr Kinder wünschen, die schnatternd über den Hof rennen. (Interview und Fotos: Patrizia Legnini)

---

Wer sich über die kommenden Veranstaltungen im Feilenhauer informieren möchte, findet unter https://feilenhauer.net weitere Infos.